„Kreativität braucht Mut“

Prof. Dr. Jörg Mehlhorn hat bis 2014 an der Hochschule Mainz Marketing und BWL gelehrt, und ist seit 2002 erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Kreativität e.V., die auf gemeinnütziger Basis das Ziel verfolgt, mehr Aufmerksamkeit auf die menschliche Kreativität zu lenken. Mit talispost spricht er über seine Auffassung, dass jeder Mensch, egal welchen Alters, Kreativität lernen kann. (aus dem talisbrief No. 5, März 2019)

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Gesellschaft für Kreativität

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12 Thesen

Herr Prof. Dr. Mehlhorn, Sie sind erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Kreativität. Sind Sie kreativer als andere Menschen?

Ich glaube schon, dass ich nicht unkreativ bin. Bei Kreativität gibt es keine Messlatte und jeder kann sie lernen. Ich bin aber stolz auf meine eigene subjektive Kreativität, die sich auch erst in meiner zweiten Lebenshäl e so richtig entfaltet hat.

Warum haben Sie Ihre Kreativität denn erst so spät entdeckt?

Mit 30 habe ich meinen Doktorhut aufgesetzt bekommen – bis dahin war ich an der Uni Giessen. Das waren fünf Jahre Studium und fünf Jahre Assistenz am Lehrstuhl. In diesen zehn Jahren habe ich das Wort Kreativität nicht einmal gehört. Dann ging ich von der Uni weg und nahm einen Job am „Battelle-Institut“ in Frankfurt an. Dort waren in einer anderen Abteilung gerade Forschungen zu Kreativitätstechniken in der Wirtschaft abgeschlossen worden. So kam ich zufällig mit dem Thema in Berührung und wurde, wie ich gerne sage, von dem Kreativitätsvirus befallen (lacht).

Wofür brauchen wir Kreativität?

Es gibt das berühmte Zitat des Philosophen Sir Karl Popper: „alles Leben ist Problemlösen. Außerhalb von reinen Routinetätigkeiten sind alle Menschen – ganz egal ob im Job oder im Alltag – andauernd dabei, Probleme zu lösen. Immer wenn neue Situationen au reten, oder alte Abläufe verbessert werden sollen, müssen wir uns etwas einfallen lassen. Häufig ist uns gar nicht bewusst, dass es sich dabei um kreative Leistungen handelt. Es fängt also bei kleinen Alltagsproblemen an und endet bei den großen Problemen unserer Zeit: Wie Umweltschutz, Armutsbekämpfung und Hungerhilfe. Um die Welt am Leben zu erhalten und zu verbessern, brauchen wir Kreativität. Und dann gibt es noch einen zweiten, wichtigen Aspekt. Wir brauchen Kreativität nämlich auch für unsere individuelle Selbstverwirklichung.

Strebt jeder Mensch nach Selbstverwirklichung?

Vermutlich gibt es auch Menschen, die das nicht tun. Aber ich bin ein großer Fan der Bedürfnispyramide nach Maslow*. Wenn die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt sind, sehnen wir uns nach Selbstverwirklichung. Ich beobachte das bei vielen älteren Menschen, die – nachdem sie jahrelang in anspruchslosen Routinejobs gearbeitet haben – im Ruhestand auf einmal ihre Kreativität entfalten, indem sie zum Beispiel ein Buch schreiben, oder auch nur ein kleines Rosengärtchen anlegen. Ich wertschätze auch das Hobby sehr. Nicht jeder Mensch wird zum weltbekannten Künstler. Aber jeder kann seine Kreativität nach den eignen Möglichkeiten und Wünschen ausleben und sich eine Aufgabe suchen. Der kreative Ausdruck ist ein Outing. Jemand der malt, tanzt, schreibt oder auch einfach seine Wohnung einrichtet oder sich auf eine bestimmte Art kleidet, der kehrt sein Innerstes nach außen. Das ist glaube ich eine starke Kraft im Menschen.

Unter welchen Bedingungen können wir unsere Kreativität am besten entfalten?

Ich persönlich zähle zu den Menschen, die besonders gute Ideen nur dann entwickeln,
wenn sie Freiräume und Ruhe haben. Aber es gibt unterschiedliche Typen. Manche Menschen brauchen eher Druck, um kreativ sein zu können.

Aber es gibt ja auch viele Menschen, die sich nicht kreativ ausdrücken. Wie erklären Sie sich das?

Die Fachleute sagen, mit der Einschulung passiere bei vielen Menschen ein Bruch. Kleine Kinder zwischen 4 und 6 Jahren spielen ununterbrochen und setzen dabei ganz selbstverständlich ihre Phantasie und Kreativität ein. Gehen Sie einmal auf einen Spielplatz! Dort werden sie beobachten: Kinder sind unbefangen. Sie dürfen pupsen, lachen und machen, was sie wollen, alles wird toleriert. In der Schule werden Kinder plötzlich mit Regeln konfrontiert. Damit sie stillsitzen, wird ihnen ihre Dynamik und Spontanität ein Stück weit abtrainiert. Ich sage das ganz wertfrei und habe auch kein Rezept, wie man das kurzfristig ändern könnte. Mittelfristig brauchen wir deshalb ein fundamental anderes Schulsystem, denn durch zu strenge Regeln nimmt bei Kindern die Kreativität tendenziell ab. Je älter Menschen werden, desto angepasster macht sie das System – von Ausnahmen natürlich abgesehen.

Sie haben einmal geschrieben, dass Angst der Todfeind der Kreativität sei.

Ja, der erwachsene Mensch will sich in seinem Umfeld anpassen. Wenn wir au allen – zum Beispiel durch Kleidung, Frisuren oder ein unpassendes Vokabular – müssen wir uns rechtfertigen. Und die meisten Menschen möchten sich eben nicht ständig rechtfertigen müssen. Wir passen uns also an: Politisch, in unserem Lebensstil oder unserer Kleidung. Wie stark uns aber dieser Drang einschränkt, hängt von unserem Selbstbewusstsein ab. Wenn Sie rote Haare tragen, Miniröcke oder sich sonst wie ausleben, brauchen Sie ein starkes Selbstbewusstsein – denn Sie werden Ihre Andersartigkeit in der Gesellschaft verteidigen müssen.

Haben kreative Menschen also ein besonders starkes Selbstbewusstsein?

Unbedingt! Kreativität braucht Mut. Denn Kreativität bedeutet von der Norm abzuweichen – mal mehr, mal weniger. Man muss Kommentaren wie „Warum machst du das?“ „Das geht doch so nicht!“ „Was soll das denn?“ standhalten können. Die meisten Menschen halten das nicht aus und leben
deshalb lieber angepasst.

Kann man seine Kreativität kitzeln, indem man sein Selbstbewusstsein stärkt?

Oh ja! Ich selbst erinnere mich noch heute an eine Situation die weit in der Vergangenheit liegt, in der mich eine Kollegin an der Uni für meine vielen kreativen Ideen gelobt hat. Das hat mich sehr beflügelt. Ich gebe Eltern auch immer den Tipp: Loben! Loben! Loben! Anerkennung und Lob machen uns kreativ, mit Sportlern macht man es ja auch so.

Allein oder in der Gruppe – wo sind wir kreativer?

Das kann man nicht abschließend sagen. Es gibt zwei Arten von Kreativität. Ein Beispiel für die individuelle Form der Kreativität bin ich selbst. Wenn ich so durch mein kleines Reihenhaus laufe, liegen mir die Ideen ganz von selbst zu. Es gibt aber auch Kreativität, die durch Gruppensituationen hervorgerufen wird. Viele meiner Vereinsmitglieder sind ja Kreativitätstrainer, die mit Gruppen diese sogenannte kollektive Kreativität trainieren. In konstruktiven Gruppensituationen dürfen wir uns wie Kinder fühlen – ohne Angst vor Verurteilung, auch das setzt Kreativität frei.

Gibt es Mittel gegen kreative Durststrecken?

Ja, ich bin ein großer Verfechter von Entspannung. Gute Ideen kommen eben nicht auf Knopfdruck.

Gibt es besonders kreative Tageszeiten?

Am günstigsten sind die Bedingungen in unserem Gehirn im sogenannten Alpha-Zustand. Dieser tritt bevorzugt am Morgen kurz nach dem Aufwachen und am Abend kurz vor dem Einschlafen ein. Kreative Aufgaben kann man zu diesen Zeiten deshalb besonders gut lösen. Gerade gestern bin ich vorzeitig mit einer Idee aus dem Bett gesprungen und habe sie schnell zu Papier bringen können. Ich rate also dazu, die eigenen Gedanken besonders gut zu beobachten, wenn man halb am Dösen ist.

Stimmt es, dass chaotische Menschen besonders kreativ sind?

In einer Zeitschrift wurde einmal von einer Werbeagentur erzählt, in der der Chef einführen wollte, dass die Kreativen abends ihre Schreibtische aufräumen sollten. Da ging ein Aufschrei durch die Szene, weil viele fanden, dass das die Kreativität einschränken würde. Ich persönlich bin auch nicht der ordentlichste Mensch. Über meinen Schreibtisch wurden früher an der Uni viele Witze gemacht. Wissenschaftlich lassen sich solche Verallgemeinerungen nicht halten. Aber es gibt vielleicht Tendenzen. Es gibt zum Beispiel Erhebungen, nach denen Menschen mit dem Sternzeichen Wassermann die meisten Patente anmelden. Da ich selbst ein Wassermann bin, habe ich mir angewöhnt, nachzufragen welches Sternzeichen mein Gegenüber hat – und freue mich über jeden Wassermann, den ich kennenlerne (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch!

*Anmerkung d. Redaktion: Die Bedürfnispyramide nach dem Psychologen Abraham Maslow hierarchisiert fünf menschliche Bedürfnisse: Physiologischen Bedürfnisse (wie Essen, Trinken und Schlaf), Sicherheitsbedürfnisse (also körperliche und geistige Unversehrtheit) soziale Bedürfnisse (wie Zugehörigkeit und Liebe) Wertschätzung (wie Erfolg und Unabhängigkeit) und an der Spitze der Pyramide: die Selbstverwirklichung (also der kreative Selbstausdruck). Die Nichtbefriedigung der vier unteren Bedürfnisebenen führt nach diesem Modell zu einem Mangelzustand. Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung dagegen wird von Maslow als „Wachstumsmotiv“ beschrieben.