„Es gibt eigentlich keine Situation, in der es hilfreich ist sich aufzuregen“

Oliver Petersen war 16 Jahre lang buddhistischer Mönch. heute arbeitet er als Übersetzer, leitet Studienkreise, Seminare und Meditationskursw und hat ein Buch geschrieben: „Gelassendurch den Alltag“. talispoast hat den praktizierenden Buddhisten im Café Lindtner in Hamburg Eppendorf auf ein Stück Kuchen getroffen. (aus dem talisbrief No. 6, April 2019)

Hier findest du das Buch von Oliver Petersen:

„Gelassen durch den Alltag“

Herr Petersen, wann waren Sie zuletzt gestresst?

Das kommt nur wirklich selten vor. Aber wenn ich zum Beispiel einen ganzen Tag ein Seminar gegeben habe, dann wird es auch für mich ein bisschen viel. Oder wenn die Termine sich zu sehr drängeln. Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich morgens beim Aufstehen schon weiß, dass jede Stunde oder Minute meines Tages verplant ist.

Was tun Sie, wenn Sie sich gestresst fühlen?

Erst einmal versuche ich es gar nicht erst dazu kommen zu lassen. Wenn ich trotzdem einmal gestresst bin, dann erinnere ich mich daran, wie wichtig es ist, mich wieder zu zentrieren. Ich nehme eine bewusste Haltung ein, konzentriere mich auf mein Atmen. Das nennt man Achtsamkeit. Es hilft auch, sich daran zu erinnern, dass all die Pläne und Ziele, die man im Leben so hat, wahrscheinlich gar nicht so wichtig sind und ich in einigen Jahren vielleicht sogar darüber lachen werde. Es gibt eigentlich keine Situation, in der es hilfreich ist sich aufzuregen. Wenn sich etwas ändern lässt, brauch ich mich ja nicht aufzuregen und kann es ändern. Wenn sich etwas nicht ändern lässt, brauche ich mich auch nicht aufzuregen, denn das ändert ja nichts.

Und wenn andere Menschen Ihre Nerven strapazieren?

Bei schwierigen Mitmenschen, versuche ich meinen Gesprächsstil zu verändern, damit das Grundgefühl wieder ins positive umschlägt. Innerlich versuche ich mich auf mein Mitgefühl zu zentrieren – indem ich mir klarmache, dass mein Gegenüber ein Mensch ist, der so wie ich nach Glück strebt. Vielleicht geht es ihm zum Beispiel gerad nicht so gut. Mit diesen Gedanken schütze ich mich vor stressigen Gefühlen der Abneigung.

Warum brauchen wir Gelassenheit?

Aus einer inneren Unruhe heraus zu handeln führt meist dazu, dass man unangemessen handelt – das kann einem selbst, aber auch anderen Menschen Schaden zufügen. Darf ein Buddhist dann überhaupt für eine Sache eintreten? Als Buddhist muss man kein Softie sein. Aber man sollte auch nicht aus egoistischer Motivation handeln. Wenn es angemessen ist, darf man die Stimme erheben. Ob das in der Familie ist, im Beruf, oder bei einer Demonstration. Ich denke zum Beispiel an die Schülerdemonstrationen gegen die Klimaerwärmung. Wenn diese Schüler nicht ein bisschen laut werden, dann hört ihnen auch keiner zu. Aber sie sollten trotzdem nicht aus Hass gegen irgendeinen Politiker handeln. Wichtig ist eine gleichmütige Haltung.

Ist Gleichmut nicht auch ein negatives Gefühl?

Oh nein, im Buddhismus bezieht sich Gleichmut auf menschliche Beziehungen. Es bedeutet, dass ich versuche, andere Menschen nicht unter dem Einfl uss von Anhaftung und Abneigung zu beurteilen. Denn dann nimmt man eher die eigenen Projektionen, als die tatsächlichen Menschen wahr und beurteilt sie ziemlich wahrscheinlich falsch. Schnappt mir ein anderer Mensch bei einer Besichtigung zum Beispiel die Wohnung weg, macht ihn das ja nicht zum schlechten Menschen. Er war lediglich wie ich auch auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Gleichmut führt zu universellem Mitgefühl. Wir können andere Menschen ohne unsere Ego-Brille betrachten. Das nennt man die gleichmütige Haltung und – sie ist Voraussetzung für Liebe und Mitgefühl.

Kann sich ein gleichmütiger Geist verlieben?

Man kann natürlich Menschen haben, die einem nahe stehen. Aber die Sympathie gegenüber einem Menschen sollte nicht dazu führen, andere Menschen schlechter zu behandeln. Eine wirkliche Liebe – das wird sicher einige überraschen – basiert besser auf Gleichmut als auf Anhaftung. Wenn wir einen Partner nach dem Ideal der Anhaftung auswählen, würde das bedeuten, dass wir jemanden bevorzugen, der uns schmeichelt oder den wir besonders attraktiv finden und sobald diese Gefühle vergehen, ist es vorbei. Gleichmut hingegen ist der Wunsch, dass ein anderer Mensch glücklich ist – das ist auch die Grundlage der Liebe. Es geht also nicht um die Schmetterlinge im Bauch, sondern um die Frage: Passt der Mensch zu mir? Können wir miteinander leben und einander glücklich machen?

Kann jeder Gleichmut und Gelassenheit lernen?

Ja, das kann jeder lernen. Aber nicht einfach so. Die Grundidee des Buddhismus ist das sogenannte abhängige Entstehen. Das bedeutet, dass Gleichmut und Gelassenheit nur gemeinsam mit einer Reihe von anderen Tugenden entstehen und verstanden werden können. Man sollte sich zu allererst die Frage stellen, wie der Mensch und wie man selber glücklich wird. Und auch, wie man Leid vermeiden oder minimieren kann. Man wird dann darauf kommen, dass Glück immer von innen aus dem Geist kommt. Und der Geist ist entwicklungsfähig, er ist offen – das bestätigen auch moderne neurowissenschaftliche Forschungen. Es ist eine Frage der kontinuierlichen Übung. Im Buddhismus nennen wir das Meditation.

Um regelmäßig zu Meditieren braucht, man viel Zeit.

Das stimmt. Deshalb bin ich Mönch geworden. Allerdings gibt es in westlichen Ländern kaum wirkliche buddhistische Klöster, ich habe deshalb in öffentlichen buddhistischen Zentren gelebt – und auch da fehlte mir neben meinen vielen Verpflichtungen und öffentlichen Terminen häufig die Zeit. Ich bin also nach acht Jahren aus dem gleichen Grund wieder aus dem Mönchsstand ausgetreten, um Zeit für die Meditation zu haben.

Das heißt, sie finden in einem normalen Leben mehr Zeit zum Meditieren?

Ja, komischerweise habe ich jetzt als Nicht-Mönch viel mehr Ruhe. Das ist schon ein bisschen absurd. Gleichzeitig kann ich so anderen Laien vorleben, wie man Mediation in den normalen Alltag integrieren kann. Ob wir Zeit haben oder nicht, hängt letztendlich davon ab, welche Prioritäten wir setzen. Ich spreche ja gar nicht davon, dass jeder stundenlang meditieren soll. Schon zehn bis fünfzehn Minuten Insichkehr können eine gute Wirkung haben. Es kommt darauf an, ob man es wirklich wichtig nimmt.

Das klingt ernst.

Es ist auch eine ernste Angelegenheit. Im Buddhismus gehen wir davon aus, dass bei Menschen, die sich nicht dafür entscheiden, ihren eigenen Geist zu trainieren, schwere Leiden auftreten können. Es gibt kein echtes Glück, wenn man nicht geistig an sich arbeitet. Das bedeutet nicht, dass jeder Buddhist werden muss. Aber allein von äußerlichen Einflüssen wird das Glück nicht kommen. Ein Top-Manager wird aber wahrscheinlich nicht einmal 15 Minuten am Tag für eine Meditation aufbringen können. Deshalb erfordert Glück auch eine gewisse Form von Bescheidenheit. Wenn du immer mehr haben willst, musst du meist viel dafür tun und hast den Kopf nicht frei für wirklich Wichtiges wie die Arbeit an deinem Geist. Dazu kommt, dass viele Menschen, die nach Geld und Macht streben, irgendwann auch an den Punkt kommen, an dem sie unethische Entscheidungen treffen müssen. Und das wird zum Hindernis für die Meditation.

Ist ein moralisches Leben eine Voraussetzung für die Meditation?

Unbedingt. Weil der Geist, wenn man unethisch lebt, nicht zentriert werden kann. Man ist dann ständig im Konflikt mit anderen und sich selbst. Nach innen entwickeln sich wahrscheinlich Schuldgefühle und Konflikte. Und nach außen entwickeln sich schlechte Beziehungen zu anderen Menschen. Auf so einer unruhigen Grundlage kann sich kein Mensch konzentrieren.

Auch die „Faulheit sinnloser Geschäftigkeit“ schwächt laut ihrem Buch die Konzentration. Was meinen Sie damit?

Die Faulheit sinnloser Geschäftigkeit bedeutet im Buddhismus, dass jemand keine Freude am Heilsamen hat. Man könnte es vielleicht mit „Workaholic“ übersetzen – das ist eine Art von Krankheit. Die ganze Gesellschaft scheint ein bisschen auf diese Art krank zu sein. Viele machen unter größter Anstrengung irgendwetwas, das meist überhaupt nichts bringt. Das ist ein großes Hindernis.

Welcher Ort eignet sich zum Meditieren?

Zunächst sind natürlich die inneren Umstände viel wichtiger für die Meditation als die Äußeren. Wenn die inneren Voraussetzungen einigermaßen stimmen, kann man sogar mit einer schlechten Haltung in der U-Bahn meditieren. Idealerweise empfiehlt sich ein ruhiger Ort.

Haben Sie auch einen Altar zu Hause?

Oh ja, er ist zwar nicht so prunkvoll, wie bei manchem meiner Freunde. Aber ich habe eine Buddha-Figur und einige Bilder von geistigen Lehrern auf ihm stehen. Auch Opfergaben sind aus buddhistischer Sicht sehr klug, weil man durch diese Vorbereitung seinen Geist reinigen kann, bevor man meditiert. Das können frische Früchte oder ein paar Kekse sein. Oder ein Schälchen mit Wasser und ein Licht. Es ist ein schönes Gefühl, morgens nach dem Waschen nicht gleich das Radio aufzudrehn, sondern erst einmal den Altar herzurichten. Man sollte in seiner Wohnung nicht nur einen Ort haben, an dem man isst oder schläft, sondern auch einen zum Meditieren.

Meditation ist für Sie also so wichtig wie Essen und Schlafen?

Ja, Meditation tut nahezu allen Menschen gut. Das bestätigt auch die moderne Hirnforschung. Studien zeigten, dass die Hirnareale, die für Aufmerksamkeit, die Regulation von Emotionen, Gedächtnis und Körperwahrnehmung zuständig sind, bei Menschen, die regelmäßig meditieren, größer werden. Man muss also nicht einmal spirituelle Beweggründe haben, um sich für Meditation zu interessieren. Aber ein Buddhist meint natürlich nicht nur das Gehirn, wenn er seinen Geist durch Meditation schult.

Sondern?

Es gibt für Buddhisten auch geistige Tätigkeiten, die nicht im Gehirn beheimatet sind. Am Herzen gibt es zum Beispiel auch geistige Regungen, wie Mitgefühl. Traditionell glaubt man, dass sich nach dem Tod alle Energien in Richtung des Herzens zusammenziehen und sich dann lösen, um in einen neuen Körper einzugehen. Als Buddhist bereitet mich meine Meditation auf meine Wiedergeburt vor.

Vielen Dank für das Gespräch.