„Wenn wir mehr Zeit füreinander hätten, würden sich viele Probleme von selbst lösen“

Dr. Katharina van Treeck ist Entwicklungsökonomin und Leiterin der wissenschaftlichen Schreib-Werkstatt für „Imperiale Lebensweise und Solidarische Alternativen“, kurz: I.L.A. Werkstatt. Aus der Werkstatt ist das Buch „Das Gute Leben für Alle“ entstanden, in dem 18 Wissenschaftler und Aktivisten unterschiedlicher Disziplinen im Kollektiv mit einfacher Sprache erzählen, wie wir die Welt zu einem besseren Ort machen können. talispost hat mit Katharina über das spannende Projekt gesprochen. (aus dem talisbrief No. 3, Januar 2019)

Hier kannst du das Buch bestellen:

Das gute Leben für alle

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@ilawerkstatt

Was ist für dich persönlich das gute Leben?

Einfach glücklich zu sein. Ich möchte einmal sagen können, dass ich den größten Teil meiner Energie auf meine Beziehungen zu anderen Menschen gerichtet habe und die Fähigkeit hatte, Momente und Erfahrungen zu genießen.

Was müssten wir an unserer Lebensweise ändern, damit alle Menschen ein gutes Leben haben können?
Ehrlich gesagt: Irgendwie alles! [lacht]

Kann das überhaupt gelingen?

In der Geschichte gibt es doch zahlreiche Beispiele für gelungene gravierende Umbrüche. Ich möchte einfach daran glauben, dass wir etwas bewegen können.

In eurem Buch schreibt ihr, dass wir viel wissen aber wenig ändern.

Richtig, nehmen wir den Klimawandel. Die Auswirkungen können wir in Deutschland noch nicht wirklich spüren, sehen aber in den Nachrichten, dass es ihn gibt, ohne die Zusammenhänge wirklich zu verstehen. Da wären die Erkenntnisse aus der Forschung total wichtig, um Erklärungen zu liefern. Mit mehr Verständnis könnten wir auch leichter etwas ändern. Aber für meine Begriffe macht sich die Wissenschaft aktuell einfach zu wenig Mühe, um ihre Erkenntnisse allen Menschen zugänglich zu machen.

Gibt es deshalb euer Kollektiv?


Genau. Wir kommen fast alle aus der Wissenschaft und hatten viel Freude an der Uni. Aber dass sich unsere Erkenntnisse nicht in der Öffentlichkeit niedergeschlagen haben, hat unsere Motivation gebremst. Wissenschaftliche Journale liest sich ja kein normaler Mensch durch, weil sie unverständlich und kompliziert geschrieben sind. Deswegen möchten wir mit dem Buch unsere Erkenntnisse erfahrbar machen, verständlich rüberbringen und mit politischem Aktivismus verbinden.

Was ist das Besondere an der Arbeit in einem Kollektiv?

Die Arbeit im Kollektiv musste ich auch erst einmal lernen. Es bedeutet, die Kontrolle abzugeben, alles im Konsens zu entscheiden und sich gegenseitig zu vertrauen – ganz ohne strategische Hintergedanken. Bei mir ist im Laufe der Arbeit die Gewissheit gewachsen, dass wir uns gegenseitig helfen und bestärken. Wenn ich eine Aufgabe einmal nicht schaff en konnte, ist ein anderer für mich eingesprungen. Das hat super gut funktioniert.

Warum beschäftig ihr euch in euerem Buch auch mit alternativen Lebensformen?

Alternative Lebensformen können uns inspirieren. In der Stadt fehlt uns zum Beispiel total der Bezug dazu, wo unsere Lebensmittel herkommen. Es gibt aber tolle Projekte wie „Urban Gardening“, also gemeinschaftliche Gärten in der Stadt, in denen jeder etwas anpflanzen kann und wo man lernt, dass man mit ein bisschen Arbeit viel aus der Erde herausholen kann. Außerdem schmecken Lebensmittel die man selbst angepflanzt hat einfach tausend mal besser.

Das Wort Solidarität kommt in euerm Buch häufig vor. Was bedeutet Solidarität?

Für uns bedeutet Solidarität, dass man nicht auf Kosten anderer lebt. Das heißt: jeder
ist frei, so zu handeln, wie er will. Aber da, wo das eigene Handeln die Freiheit anderer Menschen einschränkt, verläuft eine Grenze. Das fängt schon beim T-Shirt an, das einmal um die Welt geschifft und von armen Näherinnen gefertigt wurde – schon das schränkt die Freiheit anderer ein. Ein solidarisch konsumiertes T-Shirt wäre zum Beispiel lokal, ökologisch und fair hergestellt.

Müssen wir alle ein bisschen politischer werden?

Ja, total! Denn all unsere Handlungen sind an sich schon politisch. Wenn wir Dinge kaufen oder benutzen, hat das Auswirkungen auf die Natur und andere Menschen. Deshalb sollten wir anfangen, bewusster zu handeln.

Es gibt ja auch Scheinlösungen, die die Probleme unserer Zeit gar nicht wirklich lösen.

Ja, das sind vermeintliche Lösungen, die uns jetzt gerade ein gutes Gefühl geben aber auf lange Sicht nicht den Kern des Problems angehen. Ein gutes Beispiel ist, dass wir alle so viel fliegen und dann an anderer Stelle ein Stückchen Regenwald kaufen, oder einen „Klimaausgleich“ zahlen, um unser Gewissen zu beruhigen.

Wie unterscheidet man denn Scheinlösungen von echten Lösungen?

Es hilft immer sich zu fragen: wenn das alle machen würden, würde das eine Lösung für alle bringen oder kann ich das eigentlich nur aus meiner privilegierten Position heraus tun? Wenn zum Beispiel alle  fliegen würden, könnten wir noch so viel Regenwald anpfanzen, das schädigt trotzdem das Klima.

Das klingt nach Verzicht!

Nur, wenn wir in unseren Denkmustern wie sie gerade existieren verharren. Dann klingt es vielleicht nach Verzicht, weniger zu reisen und weniger zu konsumieren. Aber ich stelle mir ein Leben mit weniger Konsum, weniger Arbeit und mehr Zeit – für sich selbst, die eigenen Eltern, Kinder, Freundinnen und Freunde – total schön vor. Ich verzichte gerne auf einen Pulli oder eine Kreuzfahrt aber habe dafür innige Beziehungen zu Menschen. Natürlich haben Menschen in schlecht bezahlten Jobs meist nicht diese Wahl. Da muss sich strukturell etwas ändern.

Das heißt, es geht beim guten Leben auch um neue Werte, wie Freundschaft und Zeit statt Konsum und Mobilität?

Auf jeden Fall! Ich glaube, wenn wir mehr Zeit füreinander hätten, würden sich ganz viele Probleme von selbst lösen. Wenn nachbarschafliche Hilfe und gegenseitige Unterstützung wieder stärker würden, dann gäbe es auch weniger Stress, Einsamkeit, Schlafosigkeit und Depressionen – Krankheiten, die aktuell in unserer Gesellschaft immer mehr werden.

Haben Leistungsdruck und Stress umgekehrt auch etwas mit der Ausbeutung der Welt zutun?


Wir sind ja alle so aufgewachsen: Zuerst kommt die Schule, dann kommen Uni oder Ausbildung und Karriere. Mit diesem Verständnis geht aber auch die Idee einher, dass die Wirtschaft immer weiter wachsen muss und wir immer mehr und immer neue Dinge produzieren müssen. Das tut uns psychisch nicht gut, weil wir uns in eine Spirale aus Leistungsdruck begeben und es hat negative ökologische Folgen, weil wir so viele Rohstoffe brauchen. Eine Umkehr kann deshalb die Lösung für mehrere Probleme sein.

Hat das Projekt in deinem persönlichen Umfeld schon etwas verändert?


Total viel! Ich versuche nicht mit der Moralkeule zu schwingen, sondern einfach nur eine andere Geschichte mit anderen Möglichkeiten zu erzählen. Und irgendwie wird bei den Meisten dann doch ein kleiner Gedanke im Hinterkopf gepfanzt. Ich kenne zum Beispiel viele, die jetzt bewusster und weniger konsumieren.

Silvester ist das Fest der guten Vorsätze. Welche Vorsätze würden denn die Welt 2019 ein bisschen besser machen?

Man könnte sich einmal fragen: Bin ich so, wie es gerade ist glücklich? Gibt es Möglichkeiten, wie ich zum Beispiel weniger arbeiten könnte? Und dann wirklich kreativ zu werden, denn es gibt so viele Stellschrauben, an denen gedreht werden kann. Man denkt so oft , man sei gefangen – aber häufg ist es gar nicht so. Ich persönlich bin zum Beispiel total glücklich, dass ich es vorerst geschafft habe, aus der Wissenschaft auszusteigen. Da hat immer so viel Druck geherrscht und das hat mir überhaupt nicht gut getan. Jetzt kann ich mich so spannenden Fragen wie der nach dem guten Leben für alle widmen. (grinst)

Vielen Dank für das Gespräch.