“Literatur kann eine Schule für die Wahrnehmung und das Sehen sein”

Prof. Dr. Rainer Moritz leitet das Literaturhaus in Hamburg – sein ganzes Leben dreht sich um Bücher. talispost hat ihn zum Interview getroffen und gefragt, wie Geschichten einen durch das Leben begleiten können. (Interview aus dem talisbrief No. 2, Dezember 2018)

Herr Moritz, Sie haben das Buch „Die Überlebensbibliothek“ geschrieben. Kann Literatur Leben retten?

Soweit würde ich erst einmal nicht gehen. Der Ausgangspunkt für das Buch war, dass ich ganz klassisch Literaturwissenschaft studiert habe und mir schon während des Studiums immer wieder auffiel, wie man versucht, eine künstliche Trennung herzustellen, zwischen wissenschaftlicher Beschäftigung mit Literatur – etwa dem Versfüßezählen und so weiter – und dem, was Literatur mit uns anstellt. Ich habe immer wieder in meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass Bücher nachwirken, und wenn man mit Leserinnen und Lesern spricht, bestätigen sie das alle.

Wie können Bücher denn nachwirken?

Buücher können einen nachdenklich stimmen oder einen dazu verleiten, eigene Lebenswege mit denen, die in Romanen und Erzählungen vorkommen, zu vergleichen. Manche Bücher wühlen auf, manche verletzen, über einige ärgert man sich. Dieser Punkt ist im Studium immer zu kurz gekommen, weil der natürlich als unakademisch gilt, so darf man an Literatur nicht herangehen. Das war der Grund, warum ich – viele Jahre nach meinem Studium – einmal spielerisch und nicht akademisch verkopft Bücher auflisten und beschreiben wollte, die vielleicht helfend in unser Leben eingreifen können. Die uns zumindest erschüttern, die etwas mit uns anstellen. Ob sie gleich Leben retten können, das ist eine Frage, die kann ich nicht beantworten. Es gibt sicher Menschen, die sagen würden, dass dieses oder jenes Buch sie vor dem Selbstmord bewahrt oder sie vielleicht neu auf ihr Leben hat blicken lassen. Aber jeder geht natürlich mit einem Buch anders um. Das ist ja gerade der große Segen der Literatur, dass auch Autoren immer wieder verdutzt sind, was Leser so in ihr Buch hineinprojizieren.

Wann haben Ihnen Bücher geholfen?

Ich kann das konkret gar nicht so sagen. Ich könnte jetzt kein Buch nennen, von dem ich behaupten würde: das hat mich so aufgewühlt, dass ich von da an anders gelebt habe. Das sollte man, glaube ich, von keinem Ereignis im Leben erwarten. Es sei denn man hätte ein Erleuchtungserlebnis, da mag das so sein [lacht]. Nein, für mich sind es einfach Bücher, die mich über mein eigenes Leben haben nachdenken lassen. Ein Beispiel: Marcel Proust ‚Auf der Suche nach der verlorenen Zeit‘ ist so ein großes Werk. Die Größe hat den Vorteil, dass man immer wieder Neues findet, dass man diese 4000 Seiten eigentlich nie durchgearbeitet hat. Die Art und Weise, wie dort Wirklichkeit beschrieben ist, wie Figuren, Menschen, Gefühle, das Nachwirken von Gefühlen, Erinnerung beschrieben werden, das hat sicher mein Leben beeinflusst, indem ich Dinge anders wahrnehme.

Man kann also durch Literatur seine Wahrnehmung verändern?

Ja, ich würde sagen, Literatur kann eine Schule für die Wahrnehmung und das Sehen sein. Da wüsste ich in meinem Leben mehrere Bücher zu nennen, von denen ich sagen würde, die haben mir geholfen. Das sind für mich persönlich meistens Bücher, in denen nicht so wahnsinnig viel passiert, in denen die Handlung keine so entscheidende Rolle spielt. Zum Beispiel Fernando Pessoas ‚Buch der Unruhe‘, Tabucchis ‚Erklärt Pereira‘ oder Flauberts ‚Madame Bovary‘. Entscheidend war für mich immer, dass sich der Autor auf seine Figuren ganz einlässt, in ihre Psyche eintaucht und mich als Leser dazu zwingt, dem inneren Weg der Figur nachzugehen.

Empfehlen Sie auch Ihren Freunden in Notlagen Bücher?

Zumindest mache ich sie neugierig auf Bücher. Es gibt in meiner Überlebensbibliothek ja auch ein Kapitel, wo es um Krankheiten und Tod geht. Da würde ich mir jetzt nie an- maßen, wenn jemand trauert und jemanden verloren hat, zu sagen: ‚Lies dieses Buch und dann wird‘s bald wieder gut!‘ Nein, aber trotz- dem gibt es Bücher, zum Beispiel die kleine Erzählung von Peter Handke ‚Wunschloses Unglück‘, die von dem Tod seiner Mutter handelt, von denen ich mir vorstellen kann, dass ein Leser, der gleiches erfahren hat, jetzt nicht geheilt ist und der Schmerz nicht sofort weggeblasen ist, aber sich zumindest an- gesprochen fühlt. Schreiben wird ja auch als Therapieform eingesetzt, schreibend Dinge zu verarbeiten, das scheint mir eine besondere Form zu sein, die auch bei dem Leser etwas auslösen kann.

Es gibt ja auch Menschen, die nicht lesen.

Ja, dieses Phänomen ist mir rätselhaft [lacht].

Sind Nichtleser Ihrer Meinung nach rettungslos verloren?

Nein, ich glaube, da sollte man die Literatur nicht überbewerten. Man sollte auch die Kunst nicht überbewerten. Es gibt Menschen, die sagen, sie verbinden eine heilende Wirkung mit der Musik. Also da, wo keine Worte fallen, ist vielleicht sogar noch ein direkterer Zugang zur Psyche, weil Gefühle nicht in Worte übersetzt werden müssen. Aber man kann diese Wirkungen sicherlich auch ganz abseits der Kunst erfahren. Ich selber kann es mir nicht vorstellen, ohne Bücher durchs Leben zu kommen, würde das auch als sinnlos empfinden, aber es ist bestimmt vermessen, das auf andere Menschen zu übertragen. Trotzdem werbe ich permanent für die Literatur und für das Lesen – weil ich eben glaube, dass da Erfahrungen gemacht werden können, die man sonst nirgendwo bekommt.

Gibt es Lebensfragen, die Fil Videospielepiele oder YouTube-Videos besser beantworten können als Bücher?

Sie sind bestimmt leichter zugänglich. Einen Roman von 400 Seiten zu lesen, ist ein mühsames Geschäft. Das ist ja momentan viel diskutiert, das fällt jüngeren Menschen schwer. Aber auch ältere Men- schen sagen mir, wer einmal dem Netflix-, Facebook- oder YouTube-Zauber verfallen ist, ja, es fällt mir schwerer, mich zu kon- zentrieren. Ich glaube also, es ist eine Frage der Konzentrationsfähigkeit. Ich will das auch überhaupt nicht abwerten. Aber es ist natürlich etwas anderes, ob ich mir jetzt ein dreiminütiges Internetvideo anschaue oder ob ich sage, ich will jetzt versinken in einem Buch. Ich muss mich, wenn ich ein Buch lese, ausklinken aus der Gegenwart, weil die Lektüre nur Sinn macht, wenn ich mich einlasse. Es gibt zwar noch andere Medien- formen, in denen man versinken kann. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich glaube nur, dass Bücher das eigene Vorstellungsvermögen noch stärker beanspruchen, weil eben die Bilder im Kopf des Lesers entstehen müssen … oder dürfen. Und das ist der große Vorzug von Literatur.

Wenn man die aktuellen Nachrichten vor Augen hat, könnte man meinen, dass die Gesellschaft gerade zerfällt und unserer Erde nicht mehr lange durchhält – Welches Buch bräuchte es, um diese Zeit zu überleben?

Ich bin immer ein bisschen vorsichtig, wenn es darum geht, in so einen Alarmis- mus zu verfallen. Der Topos ‚die Welt wird untergehen‘, ‚Nichts ist mehr so, wie es früher war’ werden Sie in der Literatur fast jeder Zeit finden. Immer, wenn etwas Neu- es, etwas Bedrohliches kommt – denken Sie an den ersten und zweiten Weltkrieg – entsteht, natürlich auch mit einiger Berechtigung, der Eindruck, die Welt verabschiede sich von uns. Ich erinnere mich zum Beispiel gut, als ich studiert habe, in den achtziger Jah- ren, gab es das Stichwort Waldsterben. Dann kam der Reaktorunfall von Tschernobyl. Ich weiß noch gut, wie dann in der jünge- ren Generation dazu aufgerufen wurde, man solle keine Kinder mehr zeugen. Weil die Welt ja sowieso untergeht. Solche Tendenzen gibt es ja jetzt auch schon wieder, dabei sind seit- dem 35 Jahre vergangen. Natürlich muss man sehr genau wahrnehmen, und es gibt viele Indizien, die im Moment wenig Erfreuliches zeigen. Das Bewusstsein dafür hat durch die digitalen Medien und die Verbreitung aber ungemein zugenommen. Das heißt, es gibt einen Informationsdruck, der einen denken lassen kann, überall auf der Welt passiert gerade Grauenhaftes.

Vielleicht kann einem da ja der Blick in alte Bücher helfen, die sich mit ähnlichen Gefühlen auseinandersetzen?

Ich glaube ja: Wenn man in die Literatur von 1900 eintaucht, das war eine Zeit der Dekadenz, wo viele Autoren den ersten Weltkrieg bereits gespürt haben und die Ahnung for- mulierten, bald wird nichts mehr so sein, wie es war. Was sich, mit dem Blick auf das 20. Jahrhundert, so bewahrheitet hat. Ich glaube, wenn man auch historische Romane liest, davon sind in diesem Herbst viele erscheinen, dann kann das helfen, zu relativieren und genauer hinzuschauen. Und es hilft vielleicht auch dagegen, zu früh ‚Weltuntergang‘ zu rufen.

Wir haben darüber gesprochen, wie Bücher einem in Problemen helfen können, kann Literatur denn auch selbst Probleme schaffen?

Ich wehre mich immer gegen pauschale Aussagen wie ‚Lesen macht glücklich‘. Natürlich wissen wir alle, insbesondere diejenigen, die gerne lesen, dass Bücher uns glücklich machen können. Dass wir uns nach der Lektüre getröstet oder gestärkt fühlen. Selbst traurige Geschichten können uns glücklich machen. Trotzdem bin ich dagegen, diese Formel zu verallgemeinern. Weil Lesen natürlich auch ins Unglück führen oder einen verhärmen kann. Man muss genau hinschauen. Ich habe zum Beispiel Madame Bovary erwähnt. Was macht die gute Frau unter anderem um ihr Unglück zu mehren? Sie tut vieles: Sie nimmt sich Liebhaber, sie ist unzufrieden mit ihrem Gatten in der Provinz und sie liest ganz schlechte Romane, die von Fürstenhöfen und Gala-Empfängen und großen Aufführungen in Paris handeln. Und was passiert? Sie verwechselt Literatur mit Realität! Das heißt, sie verlangt von der Wirklichkeit, sie müsse so sein wie die Welt aus ihren schlechten Romanen. Also das heißt: Literatur kann unglücklich machen und natürlich auch Probleme schaffen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Leser eine Geschichte liest, die so Grausames schildert, dass er hinterher verzweifelter ist als zuvor.

Es wirkt ein bisschen so, als seien Sie von Freunden umgeben, wenn sie so in Ihrem Büro inmitten Ihrer Bücher sitzen.

(lacht) ja, das ist vielleicht so. Ich weiß auch genau, wo welches Buch liegt – selbst wenn man das bei all den Stapeln nicht vermuten würde.

Hier findest du das Literaturhaus Hamburg:

www.literaturhaus-hamburg.de

Hier geht es zu dem Buch „Die Überlebensbibliothek“ von Rainer Moritz:

www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/die-ueberlebensbibliothek-buch-8021

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