„Der Motor von Träumen sind Gefühle“

Dr. Brigitte Holzinger hat in Wien und Stanford Psychologie studiert. Das von ihr gegründete Institut für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien hat sich der wissenschaftlichen, therapeutischen, künstlerischen und spirituellen Erschließung des Traumes und des Träumens verschrieben. Im Gespräch mit talispost bringt die Forscherin Helligkeit ins Nachtleben … (aus dem talisbrief No. 4, Februar 2019)

Hier kannst du Dr. Brigitte Holzinger finden:

Institut für Bewusstseins- und Traumforschung www.traum.ac.at

Bücher und Texte: http://www.traum.ac.at/publikationen-shop

Frau Dr. Holzinger, haben Sie eigentlich den Film „Inception“ gesehen und wie fin- den Sie ihn?

Ja, natürlich habe ich den Film gesehen. Ich habe versucht alle Filme, die sich mit dem Thema Traum befassen, anzuschauen. Inception beschäftigt sich ja auch mit luziden Träumen und das ist ein so schwieriges Thema für den Film, weil Träume ja quasi wie Filme sind. Es ist also schwierig, die verschiedenen Ebenen filmisch zu unterscheiden. Ich finde zwar, dass das bei diesem Film ganz gut gelungen ist, trotzdem wird die filmische Darstellung dem echten Träumen nie ganz gerecht.

Sie bezeichnen Träume als Verbündete. Was meinen Sie damit?

Ich glaube, und da würden mit die meisten meiner Kollegen aus der Psychotherapie zu- stimmen, dass Träume etwas Gutes wollen. Beziehungsweise in uns etwas Gutes bewirken können. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass Träume das Kommunikationsmittel zwischen unserem Selbst und unserem Ich sind. Sie können uns auf Spuren bringen oder uns auf Dinge aufmerksam machen, die wir verdrängen, nicht sehen wollen oder nicht realisiert haben, in unserer aktuellen Lebenssituation.

Hat denn jeder Traum auch eine Bedeutung?

Die Frage ist, was man unter Bedeutung versteht. Ich verstehe Träume als psychosomatisches Ereignis – da wird etwas abgearbeitet, durchgearbeitet, verstanden oder eingeordnet. Hat das eine Bedeutung? Das ist die Frage. Oder ist der Prozess, der da vor sich geht und von Bildern begleitet wird, nicht einfach ein Lernprozess beziehungsweise ein ‚Erfahrungseinordnungsprozess‘?

Wann sollte man sich mit den eigenen Träumen befassen? Gibt es Warnsignale?

Ich finde, dass man sich natürlich immer mit den eignen Träumen beschäftigen kann. ‚Sollte‘ würde ich nie sagen, auch nicht, dass es besondere Warnsignale gibt. Mir geht es eher darum, den Traum als Lebensbereich erfahrbar zu machen und mit in den eignen Alltag einzubeziehen. Ich glaube, dass jeder etwas davon erhalten würde.

Ihnen werden viele Träume erzählt. Ist Ihnen ein bestimmter Traum besonders in Erinnerung geblieben?

Mir würden spontan eher allgemeine, typische Traumfiguren einfallen. Zum Beispiel: Man möchte davonlaufen und die Beine werden immer schwerer, man fühlt sich wie gelähmt. Das könnte natürlich mit dem REM-Schalf erklärt werden, in dem weite Muskelpartien wie gelähmt sind. Oder man sieht sich Schlangen und Spinnen gegenüber, oder fällt einen Abgrund hinunter. Diese Berichte tauchen immer wieder auf. Aber konkrete Träume würde ich nicht nacherzählen, denn man soll Träume nur in der Gegenwart des Träumenden bearbeiten. Durch das Gespräch über den Traum kommen meistens Interpretations-Ideen auf, die nur der Träumende einordnen und für sich überprüfen kann, weil sie ihn betreffen. Das heißt, ohne den Träumenden kann nicht herausgefunden werden, welche Botschaft der Traum tragen könnte.

Die Forschung geht davon aus, dass alle Menschen im REM-Schlaf träumen. Warum erinnern sich einige Menschen so gut und andere so schlecht an ihre Träume?

Das haben wir in manchen Studien zu eruieren versucht. Ein Faktor ist sicherlich, ob man selbst etwas von seinen Träumen hält oder sich von ihnen etwas erwartet. Aber das ist nicht das Ende vom Lied. Mein Eindruck ist, dass wir auch familiär geprägt sind, oder es uns sogar vererbt wird, ob wir Träume wahrnehmen und uns mit ihnen beschäftigen oder nicht. Ich habe es immer wieder erlebt, dass Menschen davon berichteten, dass ihre Mütter oder Großväter ganz ähnlich träumten, wie sie.

Was haben Träume mit Gefühlen zutun?

Ich sage gerne – und vereinfache damit natürlich ein wenig – dass Träume Gefühle in Bildern darstellen. Der Motor von Träumen sind Gefühle. Wer sich schon einmal mit seinen Träumen beschäftigt hat, weiß, dass das Gefühl im Traum meistens das Bild macht.

Sie sind auch Schlafcoach. Warum brau- chen Menschen heute Schlafcoaches?

Man kann die Ein-und Durchschlafstörungen als Zivilisationserkrankungen verstehen. Das moderne Leben macht uns fertig und führt dazu, dass wir nicht mehr schlafen können.

Klingt ziemlich pessimistisch.

Naja, das trifft natürlich nicht auf jeden zu. Aber es geht schon um den Lebenssinn und die Lebensführung. Und wie wir unsere Gedanken und Gefühle leben können. Die meisten Menschen haben dafür wenig Zeit und sind in einem sehr getakteten Tagesablauf eingepfercht. Das führt dazu, dass man Schwierigkeiten mit so etwas basalem wie dem Einschlafen oder dem Durchschlafen kriegt.

Sie haben das „Institut für Bewusstseins- und Traumforschung“ gegründet. Sind Traum und Bewusstsein nicht völlig verschiedene Dinge?

Ich habe das Institut 1989 gegründet, nach- dem ich von meinem Forschungsaufenthalt in Stanford zurückgekommen bin und die ersten Studien zum luziden Träumen ge- macht habe. In luziden Träumen erleben wir Bewusstsein im Unbewussten. Es wird also Bewusstsein in den Traum eingebracht. Deshalb habe ich das Institut so genannt. Ich habe mich nämlich immer sowohl für das menschliche Bewusstsein als auch für das Träumen interessiert. Als ich dann erfuhr, dass es luzides Träumen gibt und dieser Zustand beides miteinander verbindet, dachte ich: Das hat das Potenzial viele psychologische Rätsel zu lösen.

Hat sich ihre Annahme bewahrheitet?

Das wissen wir noch nicht so genau [lacht]. Ein Stück weit hat sie sich bewahrheitet und ich bin davon überzeugt, dass die Traumwelt noch viel mehr in sich hat, als wir momentan wissen.

Viele Menschen erhoffen sich von luziden Träumen ein erhöhtes Bewusstsein oder große Erkenntnisse. Die Forschung steckt allerdings noch in den Kinderschuhen.

Wir konnten mit der Forschung bereits nachweisen, dass luzides Träumen eine tolle Technik ist, um Alpträume zu bewältigen. Aber trotzdem ist das Feld weit und noch kaum erschlossen. Wir haben keine Ahnung, wohin die Forschung uns noch führen kann. Und gleichzeitig möchte ich nicht zu pathetisch schwärmen. Denn ich glaube, dass auch große Vorsicht angezeigt ist. Denn wir wissen bis heute noch nicht, in welchem Zustand wir genau sind, wenn wir luzid träumen. Wenn die Annahmen der Psychotherapie stimmen, dann bewegen wir uns in unserem psycho- logischen Gerippe. Also da, wo unsere Veranlagungen und Potenziale sitzen. Ein hoch sensibler Zustand, in dem nicht zwangsläufig nur Gutes bewirkt werden kann. Es kann auch sein, dass sich Menschen sich wenn sie luzid träumen selbst in die Irre führen.

Trotzdem lehren Sie das luzide Träumen und sagen, dass jeder es lernen kann. Haben Sie Einsteigertipps für unsere Leser?

Ein guter Start ist es, sich eine Art Brücke zwischen Traum und Wachwelt zu bauen. Allerdings bei aller Vorsicht. Es ist wichtig zu wissen, dass die Wachwelt die wichtige Welt ist und auch bleibt. Sich also beim Einschlafen vorzunehmen, was man träumen will. Oder nach dem Aufwachen, immer wieder in den Traum einzusteigen. Es hilft auch, sich in der Früh an den Traum zu erinnern und ihn aufzuschreiben. Und dann möglichst viel über das Thema zu lesen oder sich mit einem anderen Menschen, der schon einmal luzid ge- träumt hat darüber zu unterhalten. Deshalb machen wir ja auch Seminare, weil der persönliche Kontakt besonders hilfreich ist. Da kann sich etwas übertragen – und zwar nicht nur von mir zum Seminarteilnehmer, auch das Feld der Gruppe ist wichtig.

Sie empfehlen das Anlegen eines Traum- tagebuches. Führen Sie selbst denn auch eins?

Ja, selbstverständlich führe ich ein Traumtagebuch. Ich empfehle das eigentlich jedem. Es ist eine Voraussetzung dafür, dass man ein bisschen mehr Gespür für die eigenen Träume entwickelt und es hebt die Traumerinnerung enorm. Wenn man natürlich die Zeit dafür hat, denn ein Traumtagebuch kostet Energie. Aber es kommt eben auch etwas zurück. Und die festgehaltenen Träume kann man viel besser teilen. Das ist für mich der wichtigste Aspekt: die Träume zu besprechen. Denn dazu sind die Träume da. Sie möchten sich mitteilen auf einer Ebene, die nicht intellektuell und durch- dacht, sondern spontan und bildhaft ist. Man geht natürlich auch immer ein kleines Risiko ein, wenn man sich einem anderen Menschen öffnet und die eigenen Träume offenbart – denn man weiß nie, was der andere in ihnen sieht. Das kann sehr anregend und verbindend sein. Davon können wir in der heutigen Zeit eigentlich nicht genug bekommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Definitionen:

“Luzides Träumen” oder “Klarträumen” ist ein bewusster Zustand im Traum, in dem man den Trauminhalt steuern oder kontrollieren kann.

//

Als “REM-Schlaf (engl. Rapid Eye Movement)” wird eine Schlafphase bezeichnet, die durch schnelle Augenbewegungen bei geschlossenen Lidern gekennzeichnet ist.