Den Kopf in die Wolken tragen

Siona ist 30, kommt eigentlich aus Stuttgart, dank ihres Jobs bei einer großen deutschen Wochenzeitung lebt sie aber schon seit vielen Jahren in Hamburg. Genauer: Auf St. Pauli, Hamburgs berühmt-berüchtigtem Rotlichtviertel. Dort spielen viele Geschichten – echte und fiktive – was ihrem ausgeprägten Entdeckergeist sehr entspricht.

Inmitten des nur spärlich mit Sonne gesegneten Hamburger Frühjahrs, kann man schon einmal Sehnsucht entwickeln. Nach besserem Wetter und nach Weite. In den Wintermonaten hatte ich an einer Lungenentzündung laboriert und kaum die Wohnung verlassen können. Jetzt wollte ich die Stadt und die Krankheit hinter mir lassen, vor allen Dingen aber: Durchatmen. Ich dachte an einen Aufenthalt im Kloster, oder an eine Kur. Doch schon bald wurde mir klar: Ich hatte genug vom Stillsand, Innehalte würde meine Sehnsüchte nicht stillen. Lieber wollte ich Bewegung und meine Grenzen austesten.

Über das wandern hatte ich schon öft er nachgedacht, trotz all der Hafenromantik in Hamburg und meiner Liebe zum Meer doch hin und wieder die Berge meiner süddeutschen Heimat vermisst. Einfach losziehen und laufen, den Wind spüren, den Blick schweifen lassen, über allem sein und den Kopf in den Wolken tragen – so wurde mein Wunsch geboren: Ich wollte die Alpen überqueren.

Ich recherchierte Routen, las Erfahrungsberichte und gewann meine beste Freundin als Wandergefährtin. Ich konnte meine Vorfreude kaum zügeln – und machte mir doch große Sorgen, ob ich die anstrengende Tour nach der langen Krankheit schaffen würde. Der Aufbruch dann im August. Kurz nach meinem 30ten Geburtstag. Eine Woche lang wollten wir laufen – vom Tegernsee nach Südtirol. Zu Beginn war ich aufgeregt und aufgekratzt, wie vor einem Schulausflug. Doch im Laufe der Reise, mit jeder anstrengenden Etappe, entfernte ich mich ein wenig weiter von meinen Ängsten.

Was sich am ersten Tag noch als unwägbares Hindernis angefühlt hatte, wurde schon am zweiten Tag zur Routine. Ab dem dritten Tag ruhte ich immer mehr in mir. Auf einmal fühlte ich mich so unendlich zufrieden. Mein Körper und Geist waren endlich wieder im Gleichschritt. Jeder Blick ins Tal, jedes Innehalten im steilen Berg und jeder tiefe Atemzug, ließ meinen Ballast bröckeln.

Meine Probleme kamen mir auf einmal klein vor und am Ende meiner Reise wurde mir klar, dass ich meine Grenzen selbst definiere. Zurück in Hamburg blieben die Bilder der Täler und Schluchten, der Bergseen und Wolkenriesen, und die Sehnsucht nach mehr. Es sollte aber noch Wochen dauern bis mich ganz unvermittelt der – zugegeben: leicht kitschige – Gedanke durchdrang, einfach alles schaff en zu können. In diesem Jahr werde ich die Alpen ein zweites Mal überqueren. Weil ich jetzt weiß, dass ich ich es kann.